Archäologische
Forschungsgrabungen im oberen Schnaizteich
Bedeutendes "Industriezentrum" in vorchristlicher Zeit
Spektakuläre Erkenntnisse über die Eisenverhüttung der Kelten
500 Jahre vor Christus
Weitere Forschungen bezüglich des Siedlungsplatzes
sollen folgen
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| Relikt aus
grauer Vorzeit: Ein sogenannter Zwillings-Kuppelrennfeuer-Ofen
aus keltischer Zeit vor 2500 Jahren; gefunden im oberen
Schnaizteich bei Waldrennach während der ersten archäologischen
Forschungsgrabungen in den Jahren 1995/96. Dieser Fund
und seine wissenschaftliche Auswertung waren mit Anlass
für die neuerlichen Grabungen, welche weitere spektakuläre
Erkenntnisse über die Eisenerzgewinnung und -verhüttung
der Kelten 500 Jahre vor Christus brachten. |
Was Archäologen aufgrund von 1995/96 erfolgten Grabungen
im Keltengebiet des oberen Schnaizteichs bei Waldrennach vage
vermutet hatten, ist wissenschaftliche Wirklichkeit geworden:
Dort befand sich 500 Jahre vor Christus das wohl bedeutendste
eisenverarbeitende Zentrum der Kelten im mitteleuropäischen
Raum. Aufgrund der damals gesicherten Funde, darunter ein
gut erhaltener Kuppel-Rennfeuerofen, war für den Grabungsleiter
Dr. Guntram Gassmann klar, dass das alte Neuenbürger Bergbaurevier
mit dem Schwerpunkt bei Waldrennach in vorchristlicher Zeit
zu den größten Eisenerzvorkommen und Eisenverhüttungsplätzen
nördlich der Alpen gehört haben musste.
Nun kamen - während der neuerlichen Forschungsgrabungen im
selben Bereich im oberen Schnaizteich - die neuen spektakulären
Erkenntnisse hinzu. Im Beisein von Dr. Günther Wieland, dem
zuständigen Gebietskonservator vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg,
Außenstelle Karlsruhe, gab Dr. Gassmann als kompetenter Keltenspezialist
zu verstehen, dass mit derart bedeutenden Erkenntnissen am
Beginn der Grabungen (19. April dieses Jahres) nicht gerechnet
werden konnte. Umso mehr ist deshalb bei ihm die Freude groß,
dass es gelungen ist, die 2500 Jahre zurück liegende Geschichte
des Eisens auf dem heutigen Neuenbürger Stadtgebiet weiter
aufzuhellen.
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| Fasziniert
von Neuenbürgs bedeutender keltischer Vergangenheit: Regierungspräsidentin
Gerlinde Hämmerle und Landrat Karl Röckinger sowie Landtagsabgeordneter
Thomas Knapp und andere während ihres Besuchs im Grabungsgebiet
des oberen Schnaizteichs. |
Nach seinen Grabungen vor acht bzw. neun Jahren hat er sich
nun zusammen mit Dr. Günther Wieland von der zuständigen Denkmalbehörde
im oberen Schnaizteich weitere Stellen vorgenommen, welche
damals unberücksichtigt bleiben mussten. Dr. Gassmann und
seine drei Grabungshelfer sind daraufhin tagtäglich auf keltische
und auch andere Funde gestoßen, wie es zuvor nicht für möglich
gehalten wurde. "So eine bedeutungsvolle Situation ist mir"
- sagte Guntram Gassmann wörtlich - "noch nirgendwo vorgekommen,
auch nicht auf der Schwäbischen Alb". Und Dr. Günther Wieland
fügte hinzu: "Wir haben es hier mit dem wichtigsten Eisenerzzentrum
in ganz Süddeutschland und darüber hinaus zu tun". Er ist
mit Dr. Gassmann der Auffassung, dass die Kelten zu ihrer
Zeit alles sehr systematisch angelegt und somit das - bislang
bekannte - größte "Industrie"-Gebiet unterhalten hatten.
Keltische "Hightechregion"
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| Auf der Grabungsstelle im
Gewann "Herrlensbusch" 2007 in Waldrennach: Regierungspräsident Dr. Rudolf
Kühnert (rechts) und Bürgermeister Horst Martin (3. von rechts) sowie
der Marktdirektor von der Sparkasse Pforzheim Calw, Georg Kappler
(2. von rechts) und andere Besucher ließen sich von Dr. Günther
Wieland (Gebietskonservator vom Referat Denkmalpflege beim
Regierungspräsidium Karlsruhe) ausgiebig über die keltische Eisenerzgewinnung
und -verhüttung vor mehr als 2500 Jahren infornieren. |
Denn gerade die Systematik und die damit verbundene methodische
Anordnung der Verhüttungsanlagen spreche für eine zentrale
Organisation. Ein Beispiel: Im oberen Bereich des umfangreichen
und mehr als 50 Rennfeueröfen umfassenden Grabungsfeldes sind
im Abstand von jeweils vier Metern völlig erhaltene, zum Teil
aber auch nur Reste solcher Öfen zu finden, wogegen sich am
unteren Bereich des Hanges massenweise Schlacken befinden,
darunter auch solche mit einem Gewicht von bis zu 20 Kilogramm.
Die Öfen selbst wurden in den Hang hinein gebaut, um die sogenannten
Hangwinde zur Entfachung des Feuers nutzen und dann bei über
1200 Grad das Erz verhütten zu können. Und weil sie in den
Hang hinein gebaut wurden, überlebten einige dieser Öfen unbeschadet
die Jahrtausende - bis in die heutige Zeit.
Aus all dem wiederum ergibt sich die Gewissheit, dass sich
die Kelten dereinst auf heutigem Neuenbürger Stadtgebiet die
- wie Dr. Wieland sagte - größte Hightechregion geschaffen
hatten.
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| Die beiden
Archäologen und großen Keltenspezialisten: Dr. Günther
Wieland (links), Gebietskonservator und zuständiger Grabungsleiter
beim Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Karlsruhe,
sowie Dr. Guntram Gassmann, wissenschaftlicher Fachberater
von der Firma ARGUS in Tübingen. |
Gerade was die gefundenen Rennfeueröfen anlangt, ist den
Archäologen klar geworden, dass es sich um die ältesten ihrer
Art im mitteleuropäischen Raum handelt. Sieben davon wurden
bislang untersucht; ein Zwillingsofen ausgegraben. In diesen
Öfen wurden mit Holzkohle die rings umher gefundenen - viel
später als "Neuenbürger Glasköpfe" weithin bekannt gewordenen
- Eisenerze verhüttet. An verschiedenen Stellen in direkter
Nähe, aber auch einige hundert Meter entfernt sind noch heute
zahlreiche sogenannte "Pingen" zu sehen, also Grabungsstellen,
in denen die Kelten die Eisenerze der Erde entnommen haben.
Dr. Wieland: "Nun wissen wir, dass der vorzeitliche Mensch
zielgerichtet in den Schwarzwald gekommen ist; nicht um Ackerbau
zu betreiben, sondern um Eisenerz zu gewinnen und zu verhütten,
um daraus Arbeitsgeräte, Werkzeuge, aber auch Waffen herstellen
zu können". Dass das Eisenerz im Neuenbürger Revier von hoher
Qualität ist, haben wahrscheinlich nicht nur die Bergleute
späterer Epochen, sondern auch schon die Kelten gewusst, denn
das Neuenbürger Erz zeichnet sich dadurch aus, dass es sulfitfrei
ist und einen hohen Mangangehalt aufweist, welcher stets notwendig
war, um einen gut schmiedbaren, wertvollen Stahl herstellen
zu können.
Späterer Schlossberg war Leitzentrale
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| Er raucht...
Dr. Guntram Gassmann mit einem originalgetreu nachgebauten
keltischen Rennfeuerofen, in dem er schon wiederholt Eisenerz
geschmolzen hat - und zwar mit Erfolg! |
Diese keltischen Verhüttungsplätze seien - wie Dr. Wieland
weiter betonte - gewiss nicht als isoliert anzusehen, denn
dazu seien auch Siedlungen notwendig gewesen, und zwar in
unmittelbarer Nähe. Doch geleitet worden sei das Ganze wohl
vom Schlossberg aus, wo schon frühere archäologische Grabungen
Erkenntnisse über die Anwesenheit der Kelten gebracht haben.
Nun haben sich die Archäologen zum Ziel gesetzt, mehr über
die dazugehörige Siedlung und das eigentliche Leben der Kelten
herauszufinden. Unbebaute, wassernahe Plätze im Höhenstadtteil
Waldrennach haben sie sich bereits auserkoren. Zwar wurden
- vor allem im übrigen Schnaizteichgebiet - schon geomagnetische
und andere Messungen vorgenommen, doch wie der weitere Fortgang
und Umfang der keltischen Forschungsarbeiten aussehen wird,
ist noch nicht bekannt. Zuvor muss die finanzielle Abwicklung
geklärt werden. Erst dann kann noch mehr Licht in die graue
Vorzeit Neuenbürgs und vor allem Waldrennachs gebracht werden,
das ja bekanntlich erst im 12. Jahrhundert nach Christus während
des sogenannten Neuenbürger Waldganges besiedelt wurde.
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| Besuch auf der Grabungsstelle
im Grösseltal im Jahre 2008: Landrat Karl Röckinger und der Staatssekretär
Richard Drautz vom Wirtschaftsministerium des Landes Baden-Württemberg;
der Vizepräsident des Regierungsbezirks Karlsruhe, Eberhard Wurster (3. von
rechts) und Bürgermeister Horst Martin zusammen mit dem Gebietskonservator
vom RP Karlsruhe, Dr. Günther Wieland, und Montan-Archäologe Dr. Guntram
Gassmann (von rechts). |
Die Grabungen 1995 und 1996 wurden von einer Stiftung des
VAG-Konzerns getragen, dem daran gelegen war, Erkenntnisse
über die Eisenverarbeitung der Kelten in Deutschland zu erhalten.
Die jetzt noch ein paar Tage laufenden neuerlichen Forschungsgrabungen
wurden durch eine Anschubfinanzierung der Stadt Neuenbürg
und der "Frischglück"-Arbeitsgemeinschaft Neuenbürger Bergbau.
- jeweils 5000 Euro - möglich. Zudem hat sich die Sparkasse Pforzheim
Calw bereit erklärt, diese jüngsten Forschungsgrabungen finanziell
zu fördern und auch von einem ehemaligen Neuenbürger wurde
eine Spende zugesichert. Nun wird die Außenstelle Karlsruhe
des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg in engem Schulterschluss
mit der Stadt Neuenbürg und der "Frischglück"-ARGE Bergbau
bemüht sein, die Forschungen noch mehr voranzubringen, um
weitere Erkenntnisse über das Umfeld des keltischen Industriezentrums
im oberen Schnaizteich erhalten zu können.
Funde aus der Karolingerzeit
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| Neue archäologische Erkenntnisse:
Montan-Archäologe Dr. Guntram Gassmann (rechts) informierte
Bürgermeister Horst Martin. |
Übrigens: Die neuerlichen Grabungen im Schnaizteich brachten
noch eine weitere Sensation zutage: Funde aus dem frühen Mittelalter,
aus der Epoche der Karolinger, also aus der Zeit von Karl
dem Großen, der 800 nach Christus in Rom vom Papst zum Kaiser
gekrönt wurde. Neben einem Öfen aus jener Zeit kam auch ein
vollständiger Verhüttungs-, also Arbeitsplatz zum Vorschein.
Schließlich gehören noch weitere Schlacken- und Keramikfunde
aus späteren Jahrhunderten mit zum Ergebnis der jüngsten Forschungsgrabungen.
Alles zusammen wird - das lässt sich schon jetzt sagen - zu
gegebener Zeit zunächst im Rahmen einer Sonderausstellung
und danach an einem noch nicht bestimmten, geeigneten Standort
dauerhaft der Öffentlichkeit vor Augen geführt. Schließlich
handelt es sich bei dem jetzigen Grabungsergebnis - wie Dr.
Günther Wieland sagte - um eine Einzigartigkeit, die auch
entsprechend präsentiert, touristisch vermarktet und in Szene
gesetzt werden sollte. Also: Eine vielversprechende, gute
Perspektive für Neuenbürg!
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